Andacht in der letzten Woche vor Pfingsten

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Freiheit, die ich meine…

Das kleine ich und das große ICH

Einstimmung und Begrüßung

Guten Tag! Schön, dass Sie wieder dabei sind. ein Ex-Nachbar aus Wolf schrieb: »Das beste an Corona WAR die Ruhe.« WAR mit drei lärmigen GROSSBUCHSTABEN. Und auch die Jugendstilstadt Traben-Trarbach quillt schon wieder über. Abstand halten? Unmöglich. Wird auch gar nicht erst versucht. Hier im Hunsrück heißt das Stichwort: Geierlay.

Man meint, die Leute denken: Das Spiel sei abgepfiffen. Oder wir hätten Halbzeit. - Andere meinen: Das war die erste Unterbrechung zum Auswechseln von Spielern. Gut möglich. Dass noch eine Verlängerung ins Haus steht. Oder gar ein Elfmeterschießen.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch! Ich will niemand Angst machen. Ich will aber die Frage nach der Freiheit stellen. Denn, wenn es um Einschränkungen und Verzicht geht, dann geht es um die Freiheit.

Lasst uns vor Gott die Frage nach der Freiheit stellen!

Psalm 27

Miteinander beten wir aus Gottes Wort. Bitte, mit den eingerückten Zeilen zu antworten.

Der HERR ist mein Licht und mein Heil;
vor wem sollte ich mich fürchten?

Der HERR ist meines Lebens Kraft;
vor wem sollte mir grauen?

HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe;
sei mir gnädig und antworte mir!

Mein Herz hält dir vor dein Wort:
»Ihr sollt mein Antlitz suchen.«
Darum suche ich auch, HERR, dein Antlitz.

Verbirg dein Antlitz nicht vor mir,
verstoße nicht im Zorn deinen Knecht!

Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht
und tu die Hand nicht von mir ab, du Gott meines Heils!

Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich,
aber der HERR nimmt mich auf.

Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde
die Güte des HERRN im Lande der Lebendigen.

Harre des HERRN!
Sei getrost und unverzagt und harre des HERRN!

Kyriegebet

Wir rufen Gott um Hilfe an. Bitte mit den eingerückten Zeilen zu antworten:

Du Hort unseres Heils,
manchmal führst du unser Leben in große Höhen:

Lass uns nicht hochmütig werden.

Du bist da
wenn wir abstürzen
in tiefste Verzweiflung:

Lass uns nicht in ihr verharren.

Deine Macht reicht bis in die Sphären
des Unheimlichen:

Bewahre uns vor seiner gefährlichen Anziehungskraft.

Halte uns fest bei dir
und bei deinem Wort.
Begleite uns durch Höhen und Tiefen
und alle Gefahr.

Erbarme dich unser.

Lesung: Der Methodenwechsel Gottes

Als Gott am Sinai dem Mose die zwei Tafeln mit den zehn Geboten überreichte, da wollte er, vor allem, eines: Freiheit. Man könnte auch so sagen: Gott ist das Große Ich, das Freiheit will. Diesen seinen Willen hat er in Stein gemeißelt. Zehn Gebote auf zwei Tafeln. Aber: Wie kommt Gottes Meinung von der steinernen Tafel hinter die menschliche Stirn?

Deshalb verspricht Gott: Ich werde die Methode wechseln. Es kommt die Zeit, da meißel ich nicht mehr in Stein, da schreibe ich Euch meine Gebote ins Herz und ins Gewissen. Wir hören das Große Versprechen vom Methodenwechsel Gottes aus dem Buch des Propheten Jeremia. Es heißt im 31. Kapitel:

Jeremia 31,31 »Gebt Acht!«, sagt der Herr. »Die Zeit kommt, da werde ich mit dem Volk von Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließen. 32 Er wird nicht dem Bund gleichen, den ich mit ihren Vorfahren geschlossen habe, als ich sie bei der Hand nahm und aus Ägypten herausführte. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich ihnen doch ein guter Herr gewesen war. 33 Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließen will, wird völlig anders sein: Ich werde ihnen mein Gesetz nicht auf Steintafeln, sondern in Herz und Gewissen schreiben. Ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein«, sagt der Herr. 34 »Niemand muss dann noch seinen Nachbarn belehren oder zu seinem Bruder sagen: ›Lerne den Herrn kennen!‹ Denn alle werden dann wissen, wer ich bin, von den Geringsten bis zu den Vornehmsten. Das sage ich, der Herr. Ich will ihnen ihren Ungehorsam vergeben und nie mehr an ihre Schuld denken.«

»Freiheit, die ICH meine«

Wenn es um Einschränkungen und Verzicht geht, dann geht es eigentlich und letztlich, wirklich und wahrhaftig um: Freiheit! Wobei ich kann schon Verzicht leisten und mich selbst einschränken. Aber wofür »wir« das tun und wofür »wir« uns nicht zu interessieren haben – das entscheide immer noch ich!

Ich behaupte: Jetzt sind wir wieder bei ich & ICH angekommen. Bei dem kleinen »ich«, das sich Freiheiten nimmt und bei dem großen »ICH«, das die Freiheit meint.

»ICH bin der HERR, dein Gott, der ICH dich aus Ägypten, aus dem Sklavenhaus herausgeführt habe.« Das große ICH des HERRN rettet die Israeliten aus Unfreiheit und Todesgefahr. Dieses Große ICH meint wirklich und wahrhaftig Freiheit. Aber was sagt das kleine »ich« dazu? War ja immerhin jahrelang Sklave … und dann, gleichsam über Nacht: Diese völlig ungewohnte Freiheit, diese unerhörte Würde!

Das kleine »ich« sagt tatsächlich eine Menge dazu. Es sind immer wieder dieselben drei Argumente:

Argument № 1. Das wird ein böses Ende nehmen!

Die Israeliten fliehen aus Ägypten. Und dann! Das Meer vor ihnen. Unendliche Weiten. Hinter ihnen kommt der Pharao mit seinen Herrenreitern angaloppiert. Die geflüchteten Sklaven sehen sich um. Sehen die Streitmacht. Fürchten sich sehr.

Da machen sie dem Mose Vorwürfe: »Gab es in Ägypten keine Gräber? … Haben wir dir nicht gleich gesagt, du sollst uns in Ruhe lassen, wir wollen lieber den Ägyptern dienen? Wir wären besser Sklaven der Ägypter, als das wir hier in der Wüste umkommen!« (2Mo 14,12)

Merke: Mit der Geburt begibst du dich in Lebensgefahr. Freiheit bedeutet Lernen. Mit allen Sinnen das Risiko einschätzen lernen. Das eigene Leben mit dem Risiko leben zu lernen.

Argument № 2. Hier gibt’s ja gar keine Fleischtöpfe!

Die Israeliten haben ihre Verfolger abgeschüttelt. Und dann! Die Wüste vor ihnen. Unendliche Weiten. Keine Stellplätze für das Wohnmobil, keine Wege für das E-Bike, keine Sehenswürdigkeiten oder Geschäfte, keine Pizzeria, noch nicht einmal eine Dönerbude! Stattdessen: Wasser und Brot. Ja, gut, es stimmt schon: Mose schlägt das Wasser aus den Felsen und das Manna regnet vom Himmel – aber man will doch was vom Leben haben!

Da beschweren sie sich bei Mose und Aaron: »In Ägypten saßen wir vor den Fleischtöpfen und konnten uns an Brot satt essen! Aber ihr habt uns in diese Wüste gebracht, damit die ganze Gemeinde verhungert!« (2Mo 16,3)

Merke: Wenn wir Gottes Brot essen, dann sind wir wirklich frei. Dann gilt noch nicht einmal: »Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing!«

Argument № 3. Ägypten? Find’ ich irgendwie gut!

Aber was ist jetzt das größte Problem, das das kleine ich mit der Großen Freiheit hat?

Sagt das Grosse ICH: »Denk an die Fremden, die bei dir wohnen! An die Armen, die auf keinen grünen Zweig kommen, egal, wie viel sie schuften. An all’ die Lebewesen, die ein Gesicht haben, aber keine Lobby!«

Sagt das kleine ich: »Gott, halt du dich mal daraus! Du weißt zwar, wie viel Sternlein stehen, aber nicht, wie viel Arbeitsplätze dann verloren gehen!««

Sagt das Grosse ICH: »»Ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägypten, Sklaven und ich habe euch befreit!«

Sagt das kleine ich: »Ägypten? Lass mich mal überlegen… Ägypten? Kenne ich! Ich war da mal zum Schnorcheln im Roten Meer. Und die Menschen da, die waren ja so gastfreundlich! Super Service! Und das Frühstücksbüffet: 1A! Da habe ich mich wie zu Hause gefühlt!«

Ich glaube, das ist das größte Problem des kleinen ich: Nicht das Risiko, nicht unsere Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens… Das größte Problem ist: Wir kommen auf uns selbst nicht klar, weil wir von uns selbst nicht loskommen. Da bleibt die Freiheit des großen ICH immer außen vor.

Wäre das nicht wunderbar, wenn diese Freiheit bei uns ankäme? Hinter die Stirn, runter ins Herz? Ja, das wäre wunderbar! Das Wunder hat sogar einen Namen: Geist Gottes. An Pfingsten feiern wir dieses Wunder: Die Ausgießung des Heiligen Geistes. Für dieses Wunder können wir beten. Nicht nur an Pfingsten.

Bekenntnis des Glaubens

Ich lade dazu ein, einige Sätze der Zuversicht zu sprechen. Dietrich Bonhoeffer hat sie vor Jahr und Tag im Gefängnis formuliert; unter der Überschrift »Einige Glaubenssätze über das Walten Gottes in der Geschichte«.

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will,wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete wartet und antwortet.

Fürbitten und Vaterunser

Lasst uns für uns und für andere beten!

Allgegenwärtiger Gott,
Wer darf dich erkennen?

Komm zu uns, sende deinen Geist, öffne unsere Sinne,
dass wir dich spüren, / wie du wirkst und Leben schaffst / in uns / und unter uns und in allem, / was wir sehen und hören und erfahren.

Wir bitten dich um deinen heiligen Geist,
wo du fern zu sein scheinst,
bei denen, / die vereinsamen / in Krankenhäusern und Pflegeheimen,
bei denen, die sich vergessen fühlen, / die Zuneigung vermissen / und nicht mehr an deine und unsere Nähe glauben können.

Wir rufen: Alle: Herr, erbarme dich.

Wir bitten dich um deinen heiligen Geist,
wo du zu fehlen scheinst,
bei denen, derer Lebensperspektiven bedroht sind,
bei denen, die kalt und leer geworden sind / und verschlossen in ihren engen Kreisen,
bei denen, / die nur noch weg wollen und nicht wissen wohin.

Wir rufen: Alle: Herr, erbarme dich.

Wir bitten dich um deinen heiligen Geist,
wo du dich zu entziehen scheinst,
bei denen, die Angst haben vor der Zukunft,
bei denen, die nicht glauben können / an deinen Weg mit uns,
bei denen, die Reichtum oder Rasse, / technisches Vermögen / oder den vermeintlich unentwegten Fortschritt / an deine Stelle setzen.

Wir rufen: Alle: Herr, erbarme dich.

Wir bitten dich um deinen heiligen Geist,
wo du fern zu sein scheinst, / in unserer Verworrenheit, / die wir das Nächste, deine Nähe nicht sehen,
die wir nicht spüren können, / wie du dich unentwegt nach uns sehnst und uns suchst.

Wir rufen: Alle: Herr, erbarme dich.

Allgegenwärtiger Gott,
Wer darf dich erkennen?
Wo der Himmel verschlossen scheint und die Hoffnung verweht, / da lass uns aufatmen und durchatmen, / da sei du uns der Weg ins Freie.

Stille

Wir beten, wie Jesus gelehrt hat:

Vater unser im Himmel…

Segen

Und wenn ihr jetzt wieder in die Zeit geht, geht mit dem Gott, bei dem ihr zur Ruhe kommt, der euch Tag für Tag neu belebt und bewegt.

Der Herr segne dich und behüte dich!
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig!
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir seinen Frieden.!

Sohren, 27. Mai 2020 19 Uhr

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