Andacht in der fünften Woche vor Pfingsten

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Welch’ ein Vertrauen!

Oder: Von einer unterschätzten Qualität des guten Hirten

Einstimmung und Begrüßung

Guten Tag!
Herzlich willkommen bei einer neuen Andacht der Reihe »Warten. Beten. Pfingsten.« Heute sprechen wir vom Guten Hirten. Was macht ihn so gut?

Der Gute Hirte gibt kein Schaf verloren. Notfalls lässt er die 99 Schafe in der Steppe stehen und geht dem einen Schaf nach, das sich verlaufen hat und nun verloren zu gehen droht. Dieses Gleichnis Jesu rührt immer noch an… Hat schon einmal jemand die 99 anderen Schafe gefragt, die stehen gelassen werden?

Psalm 23

Miteinander beten wir aus Gottes Wort. Bitte, mit den eingerückten Zeilen zu antworten.

Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden
mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Versöhnungslitanei von Coventry›

Gemeinsam beten wir die Versöhnungslitanei von Coventry. Bitte Sie|Euch, mit dem Ruf »Vater vergib!« zu antworten:

»Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.« (Röm 3, 23)

Wir alle haben gesündigt und mangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten. Darum laßt uns beten:

Vater, vergib!

Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse:

Vater, vergib!

Das habsüchtige Streben der Menschen und Völker, zu besitzen, was nicht ihr eigen ist:

Vater, vergib!

Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet:

Vater, vergib!

Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der anderen:

Vater, vergib!

Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Heimatlosen und Flüchtlinge:

Vater, vergib!

Den Rausch, der Leib und Leben zugrunde richtet:

Vater, vergib!

Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf dich:

Vater, vergib!

Lehre uns, o Herr, zu vergeben und uns vergeben zu lassen, dass wir miteinander und mit dir in Frieden leben. Darum bitten wir um Christi willen.

»Seid untereinander freundlich und herzlich und vergebt einem dem anderen, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.« (Eph 4, 32)

Lesung: Vom verlorenen Schaf

Vom verlorenen Schaf ‐ so heißt eines der schönsten Gleichnisse Jesu. És erzählt von einem Schaf, das sich verläuft und verloren geht. Aber dann macht sich der Hirte auf den Weg und sucht, bis er das Schaf findet. Dieses wundervolle Gleichnis steht im Evangelium nach Lukas, im 15. Kapitel (Luk 15,1-7).

1 Eines Tages waren wieder einmal alle Zolleinnehmer und all die anderen, die einen ebenso schlechten Ruf hatten, bei Jesus versammelt und wollten ihn hören. 2 Die Pharisäer und die Gesetzeslehrer murrten und sagten: »Er lässt das Gesindel zu sich! Er isst sogar mit ihnen!«

3 Da erzählte ihnen Jesus folgendes Gleichnis: 4 »Stellt euch vor, einer von euch hat hundert Schafe und eines davon verläuft sich. Lässt er dann nicht die neunundneunzig allein in der Steppe weiter grasen und sucht das verlorene so lange, bis er es findet? 5 Und wenn er es gefunden hat, dann freut er sich, nimmt es auf die Schultern 6 und trägt es nach Hause. Dort ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: ›Freut euch mit mir, ich habe mein verlorenes Schaf wiedergefunden!‹ 7 Ich sage euch: Genauso ist bei Gott im Himmel mehr Freude über einen Sünder, der ein neues Leben anfängt, als über neunundneunzig andere, die das nicht nötig haben.«

Welch’ ein Vertrauen!

Die Geschichte scheint vertraut: Ein Schaf verirrt sich. Der Hirte lässt alles stehen und liegen. Er sucht das Verlorene. Bis er es findet. Bringt es zurück. Ruft seine Freunde und Nachbarn zusammen. ›Freut euch mit mir, ich habe mein verlorenes Schaf wiedergefunden!‹ Damit endet das Gleichnis.

Und Jesus behauptet: So wie dieser Hirte ‐ so freut sich Gott! Gott freut sich, wenn Menschen in sich gehen und nachschauen, ob noch jemand da ist. Gott freut sich, wenn Menschen sich ändern und ein neues Leben anfangen.

Hat mal jemand die anderen Schafe gefragt; immerhin 99 an der Zahl? Der Hirte lässt sie in der Steppe stehen und ohne ihn weiter grasen.

Wäre ich eines dieser 99 Schafe, dann würde ich fragen: Geht’s noch? Mein lieber Hirte! Ist ja schön und gut und sicher ganz nett, dass du dem einen Schaf hinterher läufst, bevor es in eine Schlucht fällt oder dem bösen Wolf zum Opfer. Aber sieh das ganze mal aus meiner Perspektive. Nein, aus unserer Perspektive! Wir neunundneunzig Schafe ‐ wir haben uns immer an die Regeln gehalten, sind nie davon gelaufen. Und zum Dank lässt du uns hier stehen!
Weißt du überhaupt, wie sich die Dunkelheit der Nacht anfühlt? Licht gibt es nur von Mond und Sternen, wenn überhaupt. Es gibt nicht viel zu sehen, umso mehr zu hören: Was heult und bellt und scharrt da? Was raschelt da im Gebüsch? Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt: Räuber? Marder? Lüchse? Löwen? Schlangen?

In diesen Nächten möchte man nicht zu den neunundneunzig Schafen gehören. Wenigstens ich will das nicht. Also zu denen, die dieser Hirte in der Steppe stehen lässt, um dieses eine Schaf da zu suchen. Also, ich würde sagen: Soll es doch zusehen. Wer abhaut, soll zusehen, wie er klar kommt… Selber schuld!

Wenn diese neunundneunzig hätten sprechen können – was hätte der Hirte wohl zu hören bekommen? Warum spielen sie in der ganzen Erzählung keine weitere Rolle mehr?

Wenn diese neunundneunzig anderen Schafe sprechen können - was ich wohl zu hören bekäme? Denn es ist ja nicht von vornherein ausgemacht, dass sie meiner Meinung sind.

Vielleicht würde ich zu hören bekommen: Es wirkt nur so. Das mit dem Stehen gelassen werden wird krass überschätzt. Außerdem stehen wir nicht alleine, sondern zusammen. Wir sind an dieses Leben gewohnt. Und dass die Hirten mitten in der Nacht eben mal losziehen und nach etwas suchen und sehen ‐ das kennen wir schon länger. Spätestens seit Weihnachten sind wir auch daran gewöhnt. In der Heiligen Nacht haben sich die Hirten ja auch auf den Weg gemacht, um das Kind in der Krippe zu finden. Haben sie die Schafe etwa mitgenommen? Davon wird nichts gesagt. Dafür wird ausdrücklich gesagt: Sie kehrten wieder um zu ihren Schafen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten. Das hätten sie wohl nicht gemacht, wenn der Herde etwas geschehen wäre.
Merke: Die Hirten des Heiligen Abends und der Gute Hirte im Gleichnis ‐ die haben Vertrauen. Sonst würden sie die Herde bei den Hürden oder die 99 nicht alleine lassen.

Vielleicht würde ich aber auch zu hören bekommen: Tiere und Menschen leben enger zusammen, als man denkt. Nur ein Beispiel: Der Charakter eines Hundes hängt sehr am Halter. Und ein Halterwechsel führt beim Hund sehr oft zu Verhaltensänderungen.
Ganz ähnlich stelle ich mir das mit Schafen vor! Wenn der Hirte auf seine Ängste nicht klar kommt… Oder wenn er rein auf Gewinn und Erwerb aus ist… Oder wenn er lieber immer woanders wäre als auf dem Felde bei den Hürden, um des Nachts die Herde zu hüten… Solche Hirten prägen ihre Herden. Deren Schafe würden dann nicht mehr zusammen stehen. Und dann könnte man sie tatsächlich nicht mehr alleine lassen. Für solche Schafe solcher Hirten wäre die kleinste Kleinigkeit schon eine Riesengefahr. Und echte Gefahren würden unweigerlich in Panik umschlagen.

Jetzt reden wir aber vom guten Hirten! Der hat Vertrauen und strahlt das auch aus. Und, wenn er loszieht und auf dieses eine Schaf sich konzentriert - dann bewegt ihn sein Herz. Vielleicht weil er sich das ausmalen kann: Wie das verlorene Schaf auf den Irrweg gekommen ist… Was es dabei zu erleben und zu erleiden hatte…
Wenn wir selber einmal da draußen waren, mutterseelenallein und in völliger, undurchdringlicher Finsternis und umgeben von merkwürdigen, unverständlichen Lauten… verzweifelt und voller Angst – dann ahnen wir, wie es dem verlorenen Schaf zu Mute war. Und genau deswegen handelt der gute Hirte so, als wäre jetzt nichts und niemand wichtiger sein als dieses eine, das verlorene Schaf.
Das geht gegen die Vernunft, aber nicht gegen die Liebe. Es muss die Liebe sein, wenn der Hirte sich auf die Suche macht. Eine große, eine göttliche Liebe. Lassen wir uns von dieser Liebe prägen! In ihrer Nachbarschaft gedeiht das Vertrauen, das zum Leben hilft.

Bekenntnis des Glaubens

Ich lade dazu ein, einige Sätze der Zuversicht zu sprechen. Dietrich Bonhoeffer hat sie vor Jahr und Tag im Gefängnis formuliert; unter der Überschrift »Einige Glaubenssätze über das Walten Gottes in der Geschichte«.

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will,wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete wartet und antwortet.

Lied: Such, wer da will

Wir singen das Lied »Such, wer da will, ein ander Ziel«. Im Gesangbuch findet es sich unter der Nummer 346
Weil unsere Suche den Unterschied macht.

1. Such, wer da will, ein ander Ziel, die Seligkeit zu finden; / mein Herz allein bedacht soll sein, / auf Christus sich zu gründen. / Sein Wort sind wahr, sein Werk sind klar, sein heil'ger Mund hat Kraft und Grund, / all Feind zu überwinden.

4. Meins Herzens Kron, mein Freudensonn / sollst du, Herr Jesu, bleiben; / laß mich doch nicht von deinem Licht / durch Eitelkeit vertreiben; / bleib du mein Preis, dein Wort mich speis, / bleib du mein Ehr, dein Wort mich lehr, / an dich stets fest zu glauben.

5. Wend von mir nicht dein Angesicht, / laß mich im Kreuz nicht zagen; / weich nicht von mir, mein höchste Zier, / hilf mir mein Leiden tragen. / Hilf mir zur Freud nach diesem Leid; / hilf, dass ich mag nach dieser Klag / dort ewig dir Lob singen.

Fürbitten und Vaterunser

Lasst uns für uns und für andere beten!

Barmherziger Gott,
die Wege, die wir in unserem Leben gehen,
sind nicht immer leicht und eben.
manchmal haben wir das Gefühl,
uns in einem finsteren Tal zu verirren.
Wir fühlen uns verlassen, verloren –
und haben Angst.

Stärke in uns den Glauben
und das Vertrauen darauf,
dass du auch dann bei uns bist,
dass du uns trägst.
Niemand soll verloren gehen
und niemanden gibst du verloren.

Darum wollen wir dir die Menschen ans Herz legen:
die eine große
oder kleine Liebe verloren haben,
denen die richtigen Worte fehlen,
die sich in sich selbst verkriechen,
die den Verlust ihrer Lebensträume beklagen,
die keine Auswege sehen.

Auch uns selbst legen wir dir, Gott, ans Herz.
Was uns betrübt und bedrückt,
sagen wir dir in der Stille.
S*T*I*L*L*E

Voller Barmherzigkeit bist du, Gott,
unser Hirte.
Darauf wollen wir uns einlassen.
So beten wir:

Vater unser im Himmel…

Segen

Und wenn ihr jetzt wieder in die Zeit geht, geht mit dem Gott, bei dem ihr zur Ruhe kommt, der euch Tag für Tag neu belebt und bewegt.

Der Herr segne dich und behüte dich!
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig!
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir seinen Frieden.!

Sohren, 29. April 2020 19 Uhr

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