Andacht in der sechsten Woche vor Pfingsten

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…werden wir sein wie die Träumenden!

Vom Nutzen des Erinnerns und Träumens

Einstimmung und Begrüßung

Guten Tag1 Das Warten geht weiter. Wir warten auf Pfingsten, so wie es Jesus seinen Jüngerinnen und seinen Jüngern aufgetragen hat. (Siehe dazu den Gottesdienst vom vergangenen Sonntag.)
Wir warten auch, selbstverständlich, auf das Ende der Corona-Pandemie in Deutschland. Heute morgen, am Mittwoch, dem 22. April 2020 lässt sich Karl Lauterbach vernehmen: Man dürfe die Lockerungen nicht als Entwarnung verstehen. Wenn wir in unseren Anstrengungen nachließen, dann sei alles bisher geleistete umsonst gewesen, dann hätten wir nur viel Geld verbraucht.

Ja, wie geht das? Mit dem langen Atem? Mit der Zuversicht? Wenn man wirklich nicht weiß: Wie lange noch? Wenn man ohnehin schon ein wenig neben sich steht? Dem wollen wir mit dieser Andacht nachgehen!
Im Namen des Vaters und des Sohnes und: des Heiligen Geistes!

Psalm 126

Miteinander beten wir aus Gottes Wort. Bitte, mit den eingerückten Zeilen zu antworten.

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden.

Dann wird unser Mund voll Lachens
und unsre Zunge voll Rühmens sein.

Dann wird man sagen unter den Heiden:
Der Herr hat Großes an ihnen getan!

Der Herr hat Großes an uns getan;
des sind wir fröhlich.

Herr, bringe zurück unsre Gefangenen,
wie du die Bäche wiederbringst im Südland.

Die mit Tränen säen,
werden mit Freuden ernten.

Sie gehen hin und weinen
und streuen ihren Samen

und kommen mit Freuden
und bringen ihre Garben.

Versöhnungslitanei von Coventry›

Gemeinsam beten wir die Versöhnungslitanei von Coventry. Bitte Sie|Euch, mit dem Ruf »Vater vergib!« zu antworten:

»Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.« (Röm 3, 23)

Wir alle haben gesündigt und mangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten. Darum laßt uns beten:

Vater, vergib!

Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse:

Vater, vergib!

Das habsüchtige Streben der Menschen und Völker, zu besitzen, was nicht ihr eigen ist:

Vater, vergib!

Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet:

Vater, vergib!

Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der anderen:

Vater, vergib!

Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Heimatlosen und Flüchtlinge:

Vater, vergib!

Den Rausch, der Leib und Leben zugrunde richtet:

Vater, vergib!

Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf dich:

Vater, vergib!

Lehre uns, o Herr, zu vergeben und uns vergeben zu lassen, dass wir miteinander und mit dir in Frieden leben. Darum bitten wir um Christi willen.

»Seid untereinander freundlich und herzlich und vergebt einem dem anderen, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.« (Eph 4, 32)

Lesung: Der ungläubige Thomas

Wir hören das Evangelium von Thomas dem Zweifler. Es steht Joh 20,24-31.
Der zweifelnde Thomas hatte es gut, so meint man. Hätte ich den Auferstandenen sehen und berühren können -‐ dann würde ich mit meinen Zweifeln gewiss sehr viel souveräner umgehen!
Aber wenn man genauer zuhört und zuschaut: Hat Thomas den Jesus wirklich berührt? Und: Wie lange hat er ihn sehen dürfen?
Beim Schluss des Evangeliums kommen wir dort an, wo schon viele vor uns waren… und noch, hoffentlich, viele nach uns ankommen werden: Bei dem, was geschrieben steht. Nicht, um das, was geschrieben steht, schwarz auf weiß nach Hause tragen zu können. Sondern, um es in unser Herz zu lassen. Damit dort der Glaube aufwächst!

24 Thomas aber, einer der Zwölf, der Zwilling genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich's nicht glauben. 26 Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! 27 Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! 30 Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. 31 Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr, weil ihr glaubt, das Leben habt in seinem Namen.

Auslegung: Was einem zu langem Atem hilft

»Ingo, was soll das? Warum machen wir immer wieder diese Übung?« Julia verliert langsam die Geduld. Ungefähr dasselbe Alter wie meine Nichte. Ziemlich genau dasselbe Talent, mit Kindern und Jugendlichen umzugehen. Deshalb unterstützt sie der Verein dabei, die Tauchlehrerin zu machen. Vor den Schein freilich haben die Götter des VDSt die eine oder andere Prüfung gesetzt. Julia ist bei mir, weil sie ‐ wohlgemerkt: ohne Gerät ‐ fünf Meter abtauchen soll, dann fündundzwanzig Meter in der Horizontalen ein Seil anschwimmen und an dieses Seil einen Palstek knoten.

Und, was mache ich? Übe mit ihr das Atmen. Vor allem das Ausatmen. Dann hält sie den Kopf unter Wasser und wir schauen auf die Uhr, wie lange sie das aushält. Es ist richtig anstrengend, aber Julia ist willensstark, sie packt das schon. Ich erkläre auch nichts. Die Beckenzeit ist kostbar. Am Ende schafft sie es ausgeatmet eine knappe Minute. Amüsiert wirkt sie dennoch nicht, eher erschöpft, wo nicht gar genervt.

Ein paar Monate später ist die Prüfung dann geschafft. Jetzt bedankt sich Julia für das Training bei mir. »Die Prüfung war nicht halb so schwer. Aber ich wusste: Wenn ich es eine Minute unter Wasser aushalte, obwohl ich ausgeatmet habe, dann schaffe ich das eingatmet gleich zwei mal. Und so war es auch. Ging geschmeidig durch.« ‐ Yep! Denke ich, das meiste spielt sich zwischen den Ohren ab. Weil das so ist, tut es gut, sich zu erinnern. An das, was man schon geschafft hat. Vielleicht sogar unter viel schwierigeren Bedingungen. Weshalb manche Menschen Tagebuch führen. Dann kann man schwarz auf weiß lesen, was man geschafft hat. Oder dass sich Wunder ereignet haben, kleinere und größere. Bei Dankbarkreit sprechen wir nicht nur von einer Tugend, sie lässt uns auch von dem träumen, was dann doch gelingen kann. Davon, dass wir die Prüfung bestehen werden. (Als wir ein Kind waren, da schien uns die Zeit bis Weihnachten nicht aufhören zu wollen. Mittlerweile vergeht uns die Zeit bis zum Heiligen Abend viel zu schnell.)

Schon wieder Krankenhaus! Dabei hatte das neue Jahr so gut begonnen! Und jetzt hier: Ausgebremst! Wieder einmal! Da kann man glatt die Lust an der Lust verlieren… Das Telefon unterbricht den Spaziergang über das Gelände der Uniklinik. Die Pfarrerin erkundigt sich. Fragt nach der Angst vor der Operation. Mit einmal dann dieser Gedanke: »Wofür will ich gesund werden?« Das ist jetzt mal keine der üblichen Fragen. Als hätte einer eine Kerze angezündet. Er bedankt sich, legt auf, geht in die Kapelle. Er setzt sich, wartet im Dunkeln auf die Bilder, die in ihm aufsteigen werden. Lacht der Heiland ihn wirklich an? Da weitet sich der Raum, er schwebt im grenzenlosen Blau, über ihm dieser riesengroße Walfisch. Ja, in den Psalmen steht, Gott habe die großen Fische gemacht, um mit ihnen zu spielen.
Dafür lohnt es sich, gesund zu werden: Für die Leichtigkeit, die dieser Augenblick ausstrahlt!

»Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden…«so haben wir eben gebetet. Und ich dachte: Nein, das war nicht nur damals eine Härte! Dass die »Gefangenen Zions« keine abstrakte Größe sind, sondern, wie es ein paar Worte weiter heißt: »unsere Gefangen« Wir sprechen von Menschen in weiter Ferne, die von uns getrennt sind, die wir gerne wieder sehen würden, die wir umarmen möchten, an uns drücken, was auch immer ‐ und um die wir uns nur sorgen können. Nein, doch! Wir können beten:

Herr, bringe zurück unsre Gefangenen,
wie du die Bäche wiederbringst im Südland.

Wenn mich einer fragt, warum es gut ist und gut tut, sich zu erinnern, dankbar zu sein… warum es gut ist und gut tut, sich hinweg zu träumen… dann würde ich sagen: Weil es den Raum für Gott offen hält. Für den Gott, der uns nicht verlassen hat, noch immer nicht. Der uns den Rücken stärkt, damit wir realistisch bleiben und standhalten und dann doch über uns hinauswachsen.

Haben Sie auch einen Gefangenen? Jemanden, der weiter von ihnen entfernt ist, zu weit? Dann könnten Sie nächste Woche doch immer wieder dieses eine Gebet sprechen:

Herr, bringe zurück unsre Gefangenen,
wie du die Bäche wiederbringst im Südland.

Nur dieses eine Gebet. Für Ihre Gefangenen. Weil immer noch Wunder geschehen. So, wie sie auch früher schon geschehen sind. Auch, wenn man sich, sicherlich, in eine Zeit hinwegwünscht, wo man weniger Wunder bräuchte als gerade jetzt.

Bekenntnis des Glaubens

Ich lade dazu ein, einige Sätze der Zuversicht zu sprechen. Dietrich Bonhoeffer hat sie vor Jahr und Tag im Gefängnis formuliert; unter der Überschrift »Einige Glaubenssätze über das Walten Gottes in der Geschichte«.

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will,wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete wartet und antwortet.

Lied: Wer nur den lieben Gott lässt walten

Wir singen das Lied »Wer nur den lieben Gott lässt walten«. Im Gesangbuch findet es sich unter der Nummer 369
Es bestärkt uns darin, das zu tun, was uns vor die Hand kommt und es als Investition in die Zukunft zu verstehen.

1. Wer nur den lieben Gott läßt walten
und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.

2. Was helfen uns die schweren Sorgen,
was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, daß wir alle Morgen
beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
nur größer durch die Traurigkeit.

7. Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verläßt er nicht.

Fürbitten und Vaterunser

Lasst uns für uns und für andere beten!

Lasst uns füreinander und für alle Menschen beten,
dass Gott uns gnädig sei:

Gemeinde: Höre unser Gebet.

Lasst uns darum bitten,
dass sich das Denken der Menschen erneuert
und sie dadurch Gottes Willen erkennen können.
Lasst uns auch beten für alle,
die verantwortlich sind im Staat und in der Gesellschaft.
Lasst uns beten für die Männer und Frauen,
die Entscheidungen für unsere Orte treffen.
Gott, in deinem Erbarmen:

Gemeinde: Höre unser Gebet.

Lasst uns beten für die Menschen,
die von Gefahren bedroht sind, und für alle, die leiden.
Lasst uns beten für ein menschenwürdiges Sterben
und dass alle, die Gott vertraut haben,
für immer bei ihm geborgen sind.
Gott, in deinem Erbarmen:

Gemeinde: Höre unser Gebet.

Lasst uns Gott bitten für seine Kirche,
dass er sie fest an ihren Herrn bindet,
Lauheit und Halbherzigkeit austreibt,
damit sie ihm glaubwürdig dient
und sich eindeutig für die Rechte der Menschen einsetzt.
Lasst uns Gott bitten,
der Kirche den Heiligen Geist zu senden,
den Geist der Liebe und der gerechtigkeit,
der Wahrheit und der Freiheit,
damit sie durch ihre Worte und Taten hilft,
die Finsternis von Hunger und Armut,
Ungerechtigkeit und Unfreiheit zu vertreiben.
Gott, in deinem Erbarmen:

Gemeinde: Höre unser Gebet.

Tritt für uns ein, erbarmender Gott, wenn wir scheitern.
Richte uns auf, wenn wir verzagt sind.
Gib uns den Frieden, der allein von dir kommen kann,
und leite uns auf den Weg der Wahrheit.

Vater unser im Himmel…

Segen

Und wenn ihr jetzt wieder in die Zeit geht, geht mit dem Gott, bei dem ihr zur Ruhe kommt, der euch Tag für Tag neu belebt und bewegt.

Der Herr segne dich und behüte dich!
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig!
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir seinen Frieden.!

Sohren, 22. April 2020 19 Uhr

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